Dupes verstehen

Woher Dupes kommen: Die Lieferkette hinter den günstigen Flakons

Duftölhäuser in Grasse, Abfüller in Europa, Marken ohne eigene Produktion. Wer hier eigentlich was macht.

von DupeVergleich · · 8 Min Lesezeit

Der Milliliter Tom Ford Oud Wood kostet 5,48 Euro. Die günstigste Nachbildung desselben Dufts in unserer Datenbank kostet 32,6 Cent. Die naheliegende Erklärung – hier billig, dort teuer – erklärt nichts. Beide Flakons durchlaufen dieselbe Kette: Jemand mischt ein Duftkonzentrat, jemand verdünnt es mit Alkohol, jemand füllt es in Glas, jemand druckt ein Etikett und jemand verkauft es. An diesen Stationen sitzen verschiedene Firmen, und fast nie die, deren Name vorn auf dem Flakon steht.

In unserer Datenbank stehen 5.714 Dupes von 16 Häusern, die 3.275 Originale abdecken. Der Median liegt bei 68,1 Cent pro Milliliter, die Spanne reicht von 15,6 bis 319,3 Cent. Für keinen einzigen dieser Flakons können wir sagen, in welcher Halle er abgefüllt wurde. Das ist keine Lücke in unserer Recherche, sondern das Ergebnis: Die Shops nennen ihre Lieferanten nicht, und sie müssen es auch nicht.

Was sich belegen lässt, ist die Struktur der Branche, die Rechtslage in der EU und das, was die Impressen über die Firmensitze verraten. Das reicht, um die wichtigsten Fragen zu beantworten – und um zu erkennen, welche offen bleiben.

Die Marke auf dem Flakon ist selten der Hersteller

Das gilt schon bei den Originalen. Die Duftkompositionen für Markenparfums kommen überwiegend von einer Handvoll Riechstoffkonzerne. Symrise mit Sitz in Holzminden gehört dazu: rund 4,93 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2025, 12.745 Beschäftigte, mehr als 6.000 Kunden in über 150 Ländern und ein Anteil von etwa zehn Prozent am Weltmarkt für Duft- und Geschmacksstoffe. Endkundenprodukte verkauft der Konzern nicht. Er verkauft Formeln und Konzentrate an die, deren Namen man kennt.

Grasse in Südfrankreich, das in jedem zweiten Text zu diesem Thema auftaucht, ist heute vor allem ein Verarbeitungsort. In und um die Stadt arbeiten rund 30 Parfümfabriken; der Blütenanbau ist über die Jahrzehnte weitgehend nach Marokko, Bulgarien, Indien und in die Türkei abgewandert, weil Rohware dort billiger ist. „Aus Grasse“ heißt also nicht, dass die Pflanze dort gewachsen ist – es heißt bestenfalls, dass sie dort destilliert oder extrahiert wurde.

Wer ein Dupe-Sortiment aufbauen will, steht damit vor derselben Einkaufsentscheidung wie eine Nischenmarke: eigene Komposition beauftragen oder ein fertiges Konzentrat kaufen. Der zweite Weg ist billiger und schneller. Belegen lässt sich für die einzelnen Shops in unserer Liste allerdings nichts davon – keiner nennt seinen Lieferanten, und Rückschlüsse aus Ähnlichkeiten zwischen Sortimenten wären genau das: Rückschlüsse.

Abfüllen ist ein Dienstleistungsgeschäft

Der Schritt vom Konzentrat zum verkaufsfertigen Flakon ist in Europa ein normaler Auftragsdienst, Lohnherstellung oder Lohnabfüllung genannt. Ein deutscher Anbieter beschreibt das Leistungspaket so: Mischen der Rezeptur aus qualifizierten Rohstoffen unter ISO-Bedingungen, Abfüllung, Chargencodierung mit Haltbarkeitsangabe, Etikettierung, Kartonierung, Cellophanierung und Bündelung zur Verkaufseinheit. Flakons bis 100 Milliliter nimmt dieser Betrieb ab 3.000 Stück an.

Diese Zahl erklärt mehr über den Dupe-Markt als jede Duftbeschreibung. Die Einstiegshürde ist nicht Chemie und nicht eine Fabrik, sondern das Kapital für eine Charge. Wer 3.000 Flakons je Duft vorfinanzieren kann, hat eine Marke. Wer 50 Düfte im Programm haben will, braucht entsprechend mehr Geld – oder einen Partner, der kleinere Mengen fährt.

Das erklärt auch, warum die Sortimente einander so ähneln. Alle Häuser arbeiten dieselbe Zielliste ab: die Originale, nach denen am meisten gesucht wird. Tom Ford Oud Wood ist bei 14 der sichtbaren Häuser im Programm, Xerjoff Erba Pura bei 13, Parfums de Marly Layton bei 12. Kein Haus riskiert eine Charge für ein Original, das niemand kennt.

Sitz, Herstellungsort und Versandland sind drei verschiedene Fragen

Wir führen im Datensatz für jedes Haus getrennt, wo die Firma laut Impressum sitzt und aus welchem Land der Shop nach eigener Angabe verschickt. Bei mehreren Häusern fällt beides auseinander, bei einigen fehlt die zweite Angabe ganz. Stand der Prüfung ist Anfang August 2026.

HausSitz laut ImpressumVersand laut Shop
Perfume ParlourLeicester, EnglandGroßbritannien
ÉCLATDeutschlandDeutschland
The Essence VaultRandalstown, NordirlandGroßbritannien
Fiore ParfumsWilmington, Delaware (USA)Deutschland
Epris FragrancesAlbuquerque, New Mexico (USA)Deutschland
Kazaar Fragranceskaribische InselSchweiz
The Dua BrandMontclair, Kalifornien (USA)nicht ausgewiesen
Fenominal FragranceCheyenne, Wyoming (USA)nicht ausgewiesen
Dossier13 Scents Inc., USAnicht ausgewiesen
Misk Storenur »MSG-group-LLC«, ohne Anschriftnicht ausgewiesen

Zehn der 19 gelisteten Häuser geben Deutschland als Versandland an, zwei Großbritannien, je eines die Niederlande, Spanien und die Schweiz. Vier machen dazu keine Angabe. Eine Firmenanschrift in Delaware, Wyoming oder New Mexico sagt nichts über einen Produktionsstandort – das sind Gründungsstaaten für Gesellschaften, keine Fabrikadressen. Fiore Parfums und Epris Fragrances führen US-Anschriften im Impressum und versenden trotzdem aus Deutschland.

Der dritte Punkt, der Herstellungsort, steht in keinem dieser Impressen. Er lässt sich von außen nicht ermitteln, und wir behaupten deshalb auch nicht, ihn zu kennen. Wer eine Angabe dazu braucht, muss beim Shop nachfragen und die Antwort als das nehmen, was sie ist: eine Selbstauskunft.

Ein Original, 14 Häuser, Faktor sechs beim Preis

Tom Ford Oud Wood aus dem Jahr 2007, ein Eau de Parfum, kostet als Original 274 Euro für 50 Milliliter – 5,48 Euro je Milliliter. In der Community steht der Duft bei 8,4 von 10 aus 6.649 Stimmen. Solche Wertungen sind Selbsteinschätzungen von Käufern und keine Labordaten; das gilt für alle Bewertungszahlen in diesem Text.

Auf dieses eine Original entfallen bei uns 21 Dupes aus 14 Häusern. Der günstigste liegt bei 32,6 Cent je Milliliter, der teuerste bei 199,8 – Faktor sechs innerhalb derselben Produktkategorie, bei nominell derselben Vorlage. Der billigste Dupe kostet ein Siebzehntel des Originals, der teuerste noch immer nur gut ein Drittel.

Ein Teil dieser Spanne ist der Duftölanteil. Kazaar Fragrances führt denselben Duft in drei Stufen: Hephaistos zu 99,8 Cent je Milliliter, „HEPHAISTOS 30 %“ zu 139,8 und „HEPHAISTOS 50 %“ zu 199,8. ZAVOGÉ stellt der Nummer XIII zu 89,8 Cent eine Extrait-Fassung zu 119,8 Cent zur Seite. Die Prozentangaben stammen aus der Produktbezeichnung des Shops; nachmessen lässt sich das nicht. Als Ordnungsprinzip taugt es trotzdem: Mehr Konzentrat kostet mehr, hält länger und trägt weiter.

Was daraus nicht folgt: dass der teurere Dupe näher am Original liegt. Die Nähe-Prozentwerte auf unseren Seiten sind ein Querschnitt je Marke – sie sagen, wie nah ein Anbieter im Mittel an seine Vorlagen herankommt, nicht wie dieser eine Flakon riecht. Ein Laborvergleich je Duft existiert nicht, weder bei uns noch anderswo öffentlich.

Warum auf keinem Etikett der Originalname steht

Die Namen im Dupe-Regal sind auffällig ausweichend: „Agar Gold – 0038“, „L'ARISE – 487“, „ZAVOGÉ N° XIII“, bei Fiore Parfums schlicht „New York“. Das ist kein Marketingeinfall, sondern die Antwort auf ein Urteil. Der Europäische Gerichtshof entschied am 18. Juni 2009 in der Sache L'Oréal gegen Bellure (C-487/07) über Vergleichslisten, die zu jedem Imitat den Markennamen des nachgeahmten Parfums nannten.

Der Gerichtshof stellte fest: Wer sein Produkt in der Werbung ausdrücklich oder sinngemäß als Imitation oder Nachahmung einer geschützten Marke darstellt, handelt unzulässig. Und der Schutz bekannter Marken greift auch ohne Verwechslungsgefahr – es genügt, dass sich jemand an den Ruf der Marke anhängt, ohne dafür etwas zu leisten. Die Duftformel selbst ist davon nicht betroffen; sie ist in der EU regelmäßig nicht als solche geschützt. Verboten ist nicht das Nachbauen, verboten ist das Anschreiben.

In unseren Daten stehen Häuser, die diese Linie enger auslegen als andere. The Essence Vault verkauft „Inspired by Oud Wood – 341“, XSCENTRIC PARFUM setzt „TOM FXRD OUD WOOD“ mit ausgetauschtem Buchstaben aufs Etikett. Ob eine konkrete Formulierung die Grenze überschreitet, entscheidet sich im Einzelfall vor Gericht. Für den Käufer hat das eine praktische Folge: Die Zuordnung Dupe zu Original führen die Shops selbst meist nicht, sondern Dritte.

Wer haftet, wenn etwas nicht stimmt

Für jedes kosmetische Mittel, das in der EU auf den Markt kommt, verlangt die Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 eine „verantwortliche Person“ mit Sitz in der Union. Wird das Produkt eingeführt, ist das der Importeur, sofern er nicht schriftlich jemand anderen benennt. Diese Person führt die Produktinformationsdatei mit Sicherheitsbericht und Angaben zur Herstellungsmethode, hält sie zehn Jahre vor und meldet das Produkt vor dem Inverkehrbringen elektronisch an die Kommission.

Praktisch heißt das: Bei einem Shop mit europäischem Sitz, der aus einem EU-Land verschickt, gibt es einen Adressaten für Reklamationen und für Behörden. Kommt das Paket direkt aus einem Drittland an eine Privatperson, sieht die Kette anders aus – bis hin zu der Frage, wer im Zweifel als Einführer gilt. Deshalb steht bei uns hinter jedem Haus getrennt, wo es sitzt und woher es liefert, statt beides zu „international“ zusammenzurühren.

Tom Ford Oud Wood mit allen 21 Dupes und dem Preis pro Milliliter je Haus

Wer wissen will, was er kauft, hat damit drei beantwortbare Fragen und eine unbeantwortbare. Beantwortbar: Wer ist in der EU verantwortlich, aus welchem Land kommt das Paket, wie viel kostet der Milliliter. Unbeantwortbar von außen: In welcher Anlage wurde abgefüllt und wessen Konzentrat steckt drin. Saubere Angaben zu den ersten dreien sind kein Qualitätsnachweis. Aber wer schon bei der verantwortlichen Person schweigt, wird bei der Abfüllanlage nicht auskunftsfreudiger.

Quellen

  1. Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 über kosmetische Mittel · EUR-Lex, Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union · abgerufen am 14. August 2026
  2. Urteil des Gerichtshofs vom 18. Juni 2009, L'Oréal u. a., C-487/07 · EUR-Lex, Gerichtshof der Europäischen Union · abgerufen am 14. August 2026
  3. Symrise · Wikipedia · abgerufen am 14. August 2026
  4. Grasse · Wikipedia · abgerufen am 14. August 2026
  5. Parfum-Lohnherstellung und Abfüllung · ZSB Verpackung GmbH · abgerufen am 14. August 2026

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Die Ratgeber-Beiträge entstehen in der Redaktion von DupeVergleich – auf Basis der eigenen Datenbank mit gemessenen Preisen, Nähe-Bewertungen und Duftprofilen sowie der jeweils unter dem Text genannten Quellen. Redaktion

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