Wie Dupes hergestellt werden: Analyse, Nachbau, Abfüllung
Ein Dupe entsteht nicht durch Abschreiben einer Formel – die kennt niemand außerhalb des Labors. Er entsteht durch Messen, Schätzen und Nachbauen aus einem Katalog, der jedem offensteht.
von DupeVergleich · · 8 Min Lesezeit
Ein Dupe ist keine Fälschung. Auf dem Flakon steht nicht Tom Ford, im Karton liegt kein nachgemachtes Logo, und niemand behauptet, das Original zu verkaufen. Was verkauft wird, ist eine Rekonstruktion: eine Flüssigkeit, die so riechen soll wie eine andere, gebaut ohne deren Rezeptur. Die Rezeptur bekommt der Nachbauer nie zu sehen – Duftformeln sind Geschäftsgeheimnisse, sie werden weder patentiert noch veröffentlicht.
In unserer Datenbank stehen derzeit 6.789 Dupes von 17 Anbietern zu 3.601 verschiedenen Originalen. Der Mittelwert liegt bei 0,69 Euro pro Milliliter; bei den Originalen, zu denen es Dupes gibt, sind es 2,41 Euro. Dieser Abstand ist der Grund, warum es den Markt überhaupt gibt. Wie er zustande kommt – und an welcher Stelle er den Duft kostet – entscheidet sich in vier Schritten: Analyse, Nachbau, Abfüllung, Namensgebung.
Schritt eins: Was der Gaschromatograph sieht
Am Anfang steht ein gekaufter Flakon und ein Gaschromatograph mit angeschlossenem Massenspektrometer, kurz GC-MS. Die Probe wird verdampft und durch eine lange, beheizte Kapillarsäule geschickt. Die Bestandteile wandern unterschiedlich schnell hindurch und kommen nacheinander am Ende an; das Massenspektrometer zerschlägt jeden ankommenden Stoff und identifiziert ihn an seinen Bruchstücken. Eine Variante davon, die Headspace-Analyse, misst nicht die Flüssigkeit, sondern nur das, was über ihr in der Luft steht – also das, was die Nase tatsächlich erreicht. Wo ein Schnüffelanschluss am Säulenausgang sitzt, kann ein Mensch parallel riechen, was gerade herauskommt.
Das Verfahren ist Standard und wird in der Branche seit Jahrzehnten für Qualitätskontrolle und Wettbewerbsanalyse eingesetzt. Es hat aber Grenzen, und die sind für den Nachbau entscheidend. Eine Arbeitsgruppe, die 2023 in der Zeitschrift Micromachines Originale und Fälschungen per GC-MS verglich, hält als methodische Einschränkung fest, dass Parfüms üblicherweise mehr als hundert verschiedene Verbindungen enthalten und eine Absicherung gegen Standardsubstanzen deshalb nicht für jede einzelne davon möglich ist. Dazu kommt: Naturstoffe wie ein Sandelholzöl sind selbst schon Gemische aus Dutzenden Komponenten, und Spurenstoffe im Zehntelpromillebereich – die für den Charakter eines Duftes durchaus tragend sein können – verschwinden im Rauschen.
Vor allem aber liefert die Analyse eine Liste, keine Formel. Sie sagt, was drin ist und ungefähr wie viel. Sie sagt nicht, in welcher Reihenfolge gemischt wurde, aus welcher Ernte und welchem Verfahren ein Naturstoff stammt oder wie lange die Mischung vor der Abfüllung gereift ist. Der Rest ist Handarbeit: mischen, riechen, mit dem Original vergleichen, korrigieren. Über viele Durchgänge.
Der Rohstoffkatalog hat Lücken
Weil moderne Analytik den Nachbau erleichtert, schützen sich die großen Riechstoffhersteller anders: über Captives. Ein Captive ist ein Duftmolekül, das ein Hersteller patentiert, selbst produziert und für die eigenen Kompositionen zurückhält, statt es am freien Markt zu verkaufen. Nur die großen Häuser – genannt werden Givaudan, Firmenich, IFF, Symrise und Takasago – können sich Entwicklung und Zulassung eines neuen Moleküls leisten. Läuft der Patentschutz aus, wird der Stoff üblicherweise freigegeben; Hedione, Dynascone und Moxalone sind Beispiele für Captives, die inzwischen jedem zur Verfügung stehen.
Für den Nachbauer bedeutet das eine harte Grenze. Ein Molekül, das den Charakter eines aktuellen Originals trägt, ist unter Umständen schlicht nicht käuflich. Er muss es mit einem Akkord aus verfügbaren Stoffen annähern – mehrere Materialien, die zusammen in die Richtung gehen. Genau dort entsteht der Abstand, den man später riecht, und zwar meist nicht im ersten Sprühstoß, sondern in der Textur und im Verlauf nach einer Stunde.
Eine zweite Grenze ist regulatorisch. Die IFRA-Standards, die Datenbank der International Fragrance Association, führen Beschränkungen, Spezifikationen und Verbote für einzelne Duftstoffe – Einsatzmengen für Cumarin oder Citral etwa. Sie gelten für den Nachbau genauso wie für das Original. Ein gedeckelter Stoff ist auch im Dupe gedeckelt. Wer ein Parfum aus den Achtzigern nachbaut, kann es aus demselben Grund nicht originalgetreu treffen, aus dem der Hersteller selbst es längst umformuliert hat.
Ein konkretes Ziel: Tom Ford Oud Wood
Kein Duft wird in unserer Datenbank häufiger nachgebaut als Oud Wood von Tom Ford: 26 Dupes von 15 Anbietern. Das Original von 2007, Eau de Parfum, kommt auf 8,4 von 10 Punkten aus 6.649 Stimmen und kostet 5,48 Euro pro Milliliter. Diese Wertungen sind Selbsteinschätzungen von Käufern, keine Labordaten – das gilt für alle Bewertungszahlen in diesem Text.
Das Notenbild nach Gewichtung: am schwersten wiegen Oud im Herz, brasilianisches Rosenholz im Kopf und Tonkabohne in der Basis, dann folgen Sandelholz, Kardamom und Vanille, danach Szechuanpfeffer, Amber und Vetiver. Die Akkorde sind würzig und holzig, darunter orientalisch, mit einem rauchigen und einem harzigen Rand.
Als Nachbauziel ist das vergleichsweise dankbar: wenige tragende Materialien, klare Struktur, keine flüchtige Zitruskopfnote, die nach Minuten weg ist und deren Ausklang man exakt treffen müsste. Holz und Harz sind schwer, sie bleiben lange messbar und lange riechbar. Und die Angabe „Oud“ sagt ohnehin nichts darüber, ob echtes Agarholzöl im Flakon ist oder ein synthetischer Akkord – das gilt für Original und Nachbau gleichermaßen.
| Anbieter | Sitz | Euro pro ml |
|---|---|---|
| DIVAIN | Spanien | 0,28 |
| The Essence Vault | Großbritannien | 0,33 |
| L'ARISÉ | Deutschland | 0,37 |
| Maison Afford | Deutschland | 0,53 |
| Dossier | USA | 0,78 |
| ÉCLAT | Deutschland | 0,91 |
| The Dua Brand | USA | 1,40 |
| Tom Ford (Original) | – | 5,48 |
Wer eigentlich mischt
Die wenigsten Dupe-Shops haben ein eigenes Labor. Üblich ist der Bezug fertiger Duftöle bei Lohnherstellern. Der Handel unterscheidet dabei White Label und Private Label: Beim White Label wählt der Auftraggeber aus einem bestehenden Katalog und kann die Formel nicht verändern, beim Private Label sind Anpassungen möglich. Dieselbe Ölbasis kann auf diesem Weg unter mehreren Marken im Regal stehen, mit unterschiedlichem Etikett und unterschiedlichem Preis.
Wer bei wem einkauft, lässt sich von außen nicht Flakon für Flakon belegen – ein öffentliches Register dafür gibt es nicht, und die Shops nennen ihre Lieferanten nicht. Aus demselben Grund ist der Nähe-Wert auf unseren Duftseiten ein Markenquerschnitt und ausdrücklich kein Messwert für den einzelnen Flakon: Er sagt, wie nah ein Anbieter im Mittel an seine Vorlagen herankommt, nicht, wie gut ausgerechnet diese eine Flasche getroffen ist.
Die teuerste Stellschraube ist der Duftölanteil
Alkohol ist billig, Duftöl ist es nicht. Deshalb ist der Ölanteil im fertigen Produkt der Hebel, an dem Preis, Haltbarkeit und Projektion gleichzeitig hängen. Bei Kazaar Fragrances lässt sich das an einem einzigen Duft ablesen: derselbe Oud-Wood-Nachbau, dreimal in 50 Millilitern, mit ausgewiesenem Ölanteil.
| Variante | Preis | Euro pro ml |
|---|---|---|
| Hephaistos | 49,90 € | 1,00 |
| Hephaistos 30 % | 69,90 € | 1,40 |
| Hephaistos 50 % | 99,90 € | 2,00 |
Andere Anbieter machen dasselbe, nur ohne Prozentangabe. The Essence Vault führt seinen Oud-Wood-Nachbau als reguläre Version zu 0,33 Euro pro Milliliter und als „Intense“ zu 0,45 Euro. ZAVOGÉ verkauft den N° XIII zu 0,90 Euro und als Extrait zu 1,20 Euro. Perfume Parlour hängt an eine seiner Varianten den Zusatz „Stronger Version“. Die Struktur ist immer dieselbe: gleicher Nachbau, mehr Öl, höherer Preis.
Ein Missverständnis lohnt sich an dieser Stelle auszuräumen: Mehr Öl heißt länger und lauter, nicht näher. Sitzt der Akkord daneben, macht die stärkere Variante die Abweichung deutlicher, nicht kleiner. Wer feststellt, dass ein Dupe im Kopf gut trifft und in der Basis abfällt, hat mit der Intense-Version dasselbe Problem – nur ausdauernder. Die Haltbarkeits- und Intensitätsangaben auf unseren Dupe-Seiten sind redaktionelle Einschätzungen, keine Messungen.
Abfüllen, anmelden, benennen
Bevor eine Flasche in der EU verkauft werden darf, greift die Kosmetikverordnung (EG) Nr. 1223/2009. Sie verlangt eine verantwortliche Person mit Sitz in der Union, eine Sicherheitsbewertung, eine Produktinformationsdatei und die Notifizierung im europäischen Portal CPNP vor dem Inverkehrbringen. Das gilt für den Dupe genauso wie für das Original. Die Rezeptur muss dabei nicht auf dem Etikett stehen – Duftbestandteile dürfen unter dem Sammelbegriff „parfum“ zusammengefasst werden. Einzeln deklariert werden müssen nur bestimmte Allergene.
Diese Allergenliste ist gerade gewachsen. Die Verordnung (EU) 2023/1545 hat sie auf 82 Stoffe erweitert. Seit dem 31. Juli 2026 dürfen Produkte mit der alten Kennzeichnung nicht mehr neu in Verkehr gebracht werden, vorhandene Bestände dürfen noch bis zum 31. Juli 2028 abverkauft werden. Für Shops, die direkt aus den USA oder aus Drittstaaten an Privatkunden liefern, ist die Lage unübersichtlicher – wie diese Pflichten dort im Einzelfall durchgesetzt werden, lässt sich von außen nicht seriös beurteilen.
Bleibt der Name. Der Europäische Gerichtshof hat am 18. Juni 2009 im Verfahren L'Oréal gegen Bellure (C-487/07) entschieden, dass ein Werbender unzulässig handelt, wenn er sein Produkt ausdrücklich oder implizit als Imitation oder Nachahmung einer bekannten Marke darstellt – und dass es keine Rolle spielt, ob sich die Nachahmung auf das ganze Produkt bezieht oder nur auf ein wesentliches Merkmal wie den Duft. Gegenstand des Verfahrens waren genau die Vergleichslisten, mit denen Nachbauten ihren Vorlagen zugeordnet wurden.
Das erklärt, warum die Regale voller Zahlen sind. 4.542 der 6.789 Dupes in unserer Datenbank tragen eine Nummer im Namen; bei Perfume Parlour sind es 1.954 von 1.991, bei DIVAIN 1.063 von 1.075. Andere umschreiben: Maison Afford nennt seinen Oud-Wood-Nachbau „Dark Wood“, Fiore Parfums vergibt Städtenamen, Kazaar greift zur griechischen Mythologie. Und manche gehen den entgegengesetzten Weg – XSCENTRIC PARFUM aus den Niederlanden führt seine Version als „TOM FXRD OUD WOOD“, Markenname mit vertauschtem Buchstaben.
Zwei Ansatzpunkte hat man damit, bevor man einen Dupe überhaupt gerochen hat. Der erste ist der Preis pro Milliliter: Er weist keine Konzentration aus, steigt innerhalb desselben Shops aber sehr zuverlässig mit ihr. Der zweite ist die Bauart des Originals. Ein Duft, der auf schweren Holz- und Harznoten steht, ist leichter nachzubauen als einer, der von einer flüchtigen Kopfnote oder einem geschützten Molekül lebt. Was danach kommt, entscheidet sich auf der Haut, und dafür gibt es keine Abkürzung – nur die Abfüllung in 2 oder 5 Millilitern, bevor man den 50er kauft.
Quellen
- Captive odorant · Wikipedia · abgerufen am 14. August 2026
- IFRA Standards Library · International Fragrance Association · abgerufen am 14. August 2026
- Detection of Counterfeit Perfumes by Using GC-MS Technique and Electronic Nose System Combined with Chemometric Tools · Micromachines (MDPI), über PubMed Central · abgerufen am 14. August 2026
- Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 über kosmetische Mittel · EUR-Lex, Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union · abgerufen am 14. August 2026
- Verordnung (EU) 2023/1545 zur Änderung von Anhang III der Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 (Kennzeichnung von Duftstoffallergenen) · EUR-Lex, Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union · abgerufen am 14. August 2026
- Urteil des Gerichtshofs vom 18. Juni 2009, L'Oréal SA u. a. gegen Bellure NV u. a., C-487/07 · Gerichtshof der Europäischen Union, über EUR-Lex · abgerufen am 14. August 2026
Über DupeVergleich
Die Ratgeber-Beiträge entstehen in der Redaktion von DupeVergleich – auf Basis der eigenen Datenbank mit gemessenen Preisen, Nähe-Bewertungen und Duftprofilen sowie der jeweils unter dem Text genannten Quellen. Redaktion
Zur Einordnung. DupeVergleich ist ein unabhängiges Vergleichsprojekt und kein Händler. Duftbeschreibungen sind Einschätzungen auf Grundlage öffentlich zugänglicher Angaben und der in unserer Datenbank erfassten Werte – kein Labortest. Preise und Verfügbarkeiten ändern sich laufend und gelten ohne Gewähr.