Herren-, Damen- oder Unisexduft: Was die Einteilung wirklich bedeutet
Eine Marketingkategorie mit Geschichte – und warum sie an der Nase vorbeigeht.
von DupeVergleich · · 9 Min Lesezeit
Auf dem Karton steht „für Ihn“, „für Sie“ oder gar nichts. Eine rechtliche Grundlage hat keine dieser Angaben. Artikel 19 der EU-Kosmetikverordnung listet auf, was auf Behältnis und Verpackung stehen muss: Name und Anschrift der verantwortlichen Person, Nennfüllmenge, Mindesthaltbarkeitsdatum, Vorsichtsmaßnahmen, Chargennummer, Verwendungszweck und die Liste der Bestandteile. Ein Geschlecht ist nicht darunter. Die Einteilung ist eine Entscheidung des Herstellers, sonst nichts.
Bedeutungslos macht sie das nicht. Sie entscheidet, in welchem Regal der Flakon steht, an wen die Werbung geht und – wie sich zeigt – was er kostet. In unserer Datenbank stehen 4308 Originale; für 1490 davon liefert die Quelle eine Zielgruppenangabe: 498 Unisex-, 497 Damen- und 495 Herrendüfte. Diese Gleichverteilung ist ein Artefakt der Erfassung, weil je Kategorie rund 500 hoch platzierte Düfte eingelesen wurden – ein Marktanteil ist sie ausdrücklich nicht. Vergleiche zwischen den drei Gruppen bleiben trotzdem belastbar, weil in jeder derselbe Maßstab und dieselbe Größenordnung liegt.
Und die Vergleiche fallen schärfer aus als erwartet. Über den Geruch sagt das Etikett weniger, als man denkt. Über Preis, Konzentration und Erscheinungsjahr sagt es sehr viel.
Die Einteilung ist jünger als das Parfum
Der Ursprungsfall der modernen Parfümerie war nicht getrennt. Eau de Cologne entstand 1709 in Köln, entwickelt von Johann Maria Farina, einem aus dem Valle Vigezzo stammenden Duftmacher. Die Mischung besteht aus Zitrusölen – Zitrone, Orange, Mandarine, Bergamotte, Neroli – ergänzt um Kräuter wie Lavendel und Rosmarin, mit einem Riechstoffanteil von etwa 2 bis 5 Prozent. Geliefert wurde sie an nahezu alle europäischen Herrscherhäuser und getragen von Männern wie Frauen. Erst im amerikanischen Sprachgebrauch verengte sich „Cologne“ später auf Herrendüfte.
Auch Jicky, 1889 von Aimé Guerlain komponiert, war als Duft für beide Geschlechter angelegt. Es gilt als eines der ersten Parfums, die mit synthetischen Bestandteilen arbeiteten, und als ältestes durchgehend produziertes Parfum überhaupt. In unserer Datenbank steht Jicky zweimal – und beide Male unter „Damen“: das Eau de Parfum mit 8,0 Punkten aus 728 Stimmen zu 152 Euro für 75 ml, das Extrait mit 8,9 Punkten aus 173 Stimmen zu 330 Euro für 30 ml. Wie ein 137 Jahre alter Duft einsortiert wird, hängt also davon ab, wer gerade einsortiert.
Die Kategorie als Verkaufsargument ist deutlich jünger. CK One erschien 1994, komponiert von Alberto Morillas und Harry Fremont, und gilt als erster Duft, der offen als Unisex vermarktet wurde und damit breit ankam: fünf Millionen Dollar Umsatz in den ersten zehn Tagen, Mitte der Neunziger rund 90 Millionen Dollar im Jahr, 2007 noch etwa 30 Millionen allein in den USA. Das Etikett „Unisex“ ist damit gut dreißig Jahre alt. Das Prinzip, dass ein Duft für alle da ist, knapp dreihundert.
Was das Etikett über den Geruch sagt
Für die 1490 eingeordneten Düfte liegen Akkorde vor, je fünf pro Duft, gewichtet von 3 (prägend) bis 1 (angedeutet). Ein Akkord ist dabei nicht eine einzelne Zutat, sondern der Gesamteindruck, den mehrere zusammen ergeben. Zählt man nur die prägenden Akkorde – Gewicht 3 –, ergibt sich folgendes Bild.
| Prägender Akkord | Unisex | Damen | Herren |
|---|---|---|---|
| Süß | 242 | 244 | 157 |
| Würzig | 154 | 63 | 214 |
| Blumig | 71 | 287 | 25 |
| Frisch | 130 | 76 | 173 |
| Holzig | 88 | 13 | 108 |
| Fruchtig | 88 | 76 | 32 |
| Zitrus | 85 | 20 | 91 |
| Gourmand | 66 | 50 | 21 |
| Pudrig | 22 | 82 | 21 |
| Cremig | 51 | 47 | 5 |
| Orientalisch | 48 | 46 | 21 |
| Grün | 34 | 24 | 31 |
Zwei Zeilen tragen praktisch die gesamte Trennung. Blumig ist mit 287 gegen 25 die Damenkategorie, Würzig mit 214 gegen 63 die Herrenkategorie; dahinter folgen Pudrig (82 zu 21) auf der einen und Holzig (108 zu 13) auf der anderen Seite. Alles Übrige verteilt sich erstaunlich gleichmäßig. Süß ist bei Damen- und Unisexdüften fast gleich häufig prägend und steht auch bei Herrendüften mit 157 Nennungen auf Rang drei, hinter Würzig (214) und Frisch (173). Der Gegensatz „süß für Frauen, herb für Männer“ hält den Daten nicht stand.
Unisex liegt fast überall dazwischen – mit zwei eigenen Markern in den Notenlisten. Safran steht in 80 Unisexdüften, aber nur in 37 Herren- und 10 Damendüften; Oud in 65 gegen 39 und 11. Beides sind Noten, die über die arabische und die westliche Nischenparfümerie in den Markt kamen, und beides sind Fälle, in denen die Hersteller offenbar gar nicht erst versuchen, ein Geschlecht zuzuweisen.
Was diese Zahlen sind, gehört dazu: die Einordnung des Herstellers, gespiegelt an Akkorden, die Käufer vergeben haben. Sie sagen, wie ein Duft vermarktet und wie er wahrgenommen wurde, nicht was in ihm steckt. Alle Bewertungen und Akkorde in diesem Artikel sind Selbsteinschätzungen von Käufern, keine Labordaten.
Unisex heißt in unseren Daten: neu, konzentriert, teuer
Deutlicher als beim Geruch wird die Kategorie bei allem, was um den Duft herum liegt. Die Bezugsgrößen unterscheiden sich je Zeile, weil nicht zu jedem Duft Jahr und Konzentration vorliegen; sie stehen deshalb mit dabei.
| Merkmal | Unisex | Damen | Herren |
|---|---|---|---|
| Ø Erscheinungsjahr | 2016 | 2006 | 2011 |
| erschienen ab 2015 | 335 von 482 | 187 von 481 | 243 von 474 |
| erschienen vor 1980 | 1 von 482 | 35 von 481 | 18 von 474 |
| als Eau de Toilette | 7 von 154 | 71 von 296 | 122 von 203 |
| als Extrait oder Parfum | 31 von 154 | 13 von 296 | 12 von 203 |
| Ø Preis je ml | 3,05 € | 2,00 € | 1,76 € |
| Median Preis je ml | 2,80 € | 1,60 € | 1,25 € |
Ein einziger der 482 datierten Unisexdüfte stammt aus der Zeit vor 1980. Gut zwei Drittel sind ab 2015 erschienen; bei den Herrendüften ist es die Hälfte, bei den Damendüften knapp vier von zehn. Die Kategorie ist nicht nur als Begriff jung, sie ist auch mit jungen Produkten gefüllt.
Die Konfektion erklärt einen guten Teil des Preisunterschieds. Von den Unisexdüften mit Konzentrationsangabe ist jeder fünfte ein Extrait oder Parfum und nur jeder zweiundzwanzigste ein Eau de Toilette. Bei den Herrendüften ist es fast umgekehrt: 122 Eau de Toilette gegen 12 Extrait. Eau de Toilette ist die Konfektion des Massenmarkts, Extrait die der Nische – und ein Extrait kostet je Milliliter mehr, weil mehr Riechstoff drin ist.
Wer die Marken auszählt, sieht denselben Befund von der anderen Seite. Xerjoff kommt auf 36 Unisexdüfte gegen 4 Damen- und 6 Herrendüfte, Tom Ford auf 25 gegen 4 und 6. Widian, Initio und Profumum Roma stehen in unserer Erfassung ausschließlich unter Unisex. Guerlain dagegen, ein Haus mit langer Massenmarktgeschichte, verteilt sich auf 58 Damen-, 19 Herren- und 14 Unisexdüfte. „Unisex“ ist im Handel weniger ein Duftmerkmal als ein Nischenmerkmal.
Gegenbeispiele gibt es, und sie kommen fast alle aus derselben Ecke. Lattafa Khamrah, 2022 erschienen, kostet 25,49 Euro für 100 ml und steht bei 7,9 Punkten aus 4479 Stimmen. Al Haramain Détour Noir liegt bei 38 Euro für 100 ml und 8,1 Punkten aus 2716 Stimmen. Beide sind als Duft für Damen und Herren geführt, beide unterbieten den Median der Herrendüfte deutlich. Die Gleichung „unisex gleich teuer“ ist also eine Tendenz unseres Sortiments, kein Naturgesetz.
Die Bewertungen und ihr Haken
In der Gesamtnote stehen Unisexdüfte am besten da: 8,11 Punkte im Schnitt auf einer Skala von 1 bis 10, gegen 7,92 bei Herren- und 7,80 bei Damendüften. Auch bei Haltbarkeit (7,90 gegen 7,64 und 7,66) und Sillage (7,52 gegen 7,29 und 7,18) liegen sie vorn. Die Datenbasis ist in allen drei Gruppen groß: 670.675 abgegebene Stimmen bei Unisex-, 629.068 bei Herren- und 305.304 bei Damendüften.
Der Haken ist, dass genau diese Gruppe die teuerste und die am stärksten konzentrierte ist. Ein Extrait hält länger als ein Eau de Toilette, weil mehr Riechstoff drin ist, nicht weil es geschlechtsneutral vermarktet wird. Der Vorsprung misst also mindestens so sehr die Preisklasse wie die Kategorie. Sauber trennen lässt sich das mit unseren Daten nicht – wer aus 8,11 gegen 7,80 schließt, Unisexdüfte seien die besseren Parfums, hat vor allem den Preisunterschied nachgerechnet.
Wie wenig die Kategorie für sich genommen trägt, zeigt ausgerechnet ihr Gründungsduft. CK One steht bei 6,8 Punkten aus 2668 Stimmen, Haltbarkeit 5,7, Sillage 5,6 – die schwächsten Werte, die in diesem Artikel vorkommen. Beim Preis-Leistungs-Verhältnis kehrt sich das um: 7,6 Punkte, bei 44 Euro für 100 ml. In der Quellenbeschreibung heißt der Duft nicht „Unisex“, sondern schlicht ein Parfum „für Damen und Herren“, frisch-zitrisch. Bergamotte trägt im Kopf die höchste Gewichtung, dahinter Zitrone und Mandarine; prägende Akkorde sind Frisch und Zitrus.
Beim Dupe dreht sich der Vorteil
Wir führen 6789 Dupes von 20 Häusern. Der Preis je Milliliter unten stammt jeweils aus der günstigsten regulären Größe ab 20 ml; Proben sind ausgenommen. Der Faktor ist der Durchschnittspreis des Originals geteilt durch den Durchschnittspreis des Dupes.
| Gruppe | Originale mit Dupe | Dupe-Angebote | Ø Dupe ct/ml | Median ct/ml | Faktor |
|---|---|---|---|---|---|
| Unisex | 282 von 498 | 1042 | 79,5 | 77,9 | 3,8 |
| Damen | 280 von 497 | 847 | 55,0 | 47,9 | 3,6 |
| Herren | 260 von 495 | 730 | 65,2 | 60,3 | 2,7 |
Unisexdüfte sind also am besten mit Dupes versorgt und haben gleichzeitig die teuersten. Ein Aufschlag auf die Kategorie ist das nicht, sondern ein Sortimentseffekt: Die Häuser, die viel Nische nachbauen, sind die teuren. Kazaar Fragrances liegt bei 128,2 Cent je Milliliter, 75 Prozent seiner Vorlagen sind Unisexdüfte; Misk Store bei 122,6 Cent und 62 Prozent; The Dua Brand bei 112,3 Cent und 50 Prozent. Am anderen Ende stehen DIVAIN mit 27,6 Cent bei 31 Prozent und L'ARISÉ mit 42,7 Cent bei 3 Prozent. Wer ein Nischenoriginal nachkaufen will, landet zwangsläufig bei den Häusern, die es überhaupt führen.
Zwei Einschränkungen gehören zu diesen Zahlen. Der Ähnlichkeitswert, den wir bei Dupes ausweisen, ist ein Markenquerschnitt – er beschreibt, wie nah ein Haus im Mittel an seine Vorlagen kommt, nicht wie nah dieser eine Flakon an diesen einen Duft. Und die Haltbarkeitsangabe in Prozent ist eine redaktionelle Einschätzung, keine Messung.
Am konkreten Fall sieht das so aus: Zu CK One führen wir zwei Dupes in regulärer Größe, divain.030 zu 26,95 Cent je Milliliter (26,95 Euro für 100 ml) und ÉCLAT 900 „Fresh Bergamot“ zu 30,82 Cent (16,95 Euro für 55 ml). Das Original kostet 44 Cent je Milliliter. Die Ersparnis ist real, aber schmal – bei einem Duft, der ohnehin zu den günstigen gehört, lohnt der Umweg weniger als bei einem Extrait für über 5 Euro je Milliliter.
Für die Vorauswahl im Regal taugt die Angabe damit wenig. Wer wissen will, wie ein Duft riecht, kommt mit den beiden Akkorden mit Gewicht 3 und den am stärksten gewichteten Basisnoten deutlich weiter als mit dem Wort auf der Verpackung. Wer sich strikt an der Angabe orientiert, sortiert vor allem aus: Die 130 Unisexdüfte mit prägendem Frisch-Akkord und die 85 mit prägendem Zitrus-Akkord bleiben im Herrenregal unsichtbar, obwohl sie dieselben Akkorde tragen wie die 173 beziehungsweise 91 Herrendüfte daneben.
Als Preisinformation taugt sie dagegen gut. „Unisex“ auf dem Karton heißt in unserer Erfassung mit hoher Wahrscheinlichkeit: nach 2015 erschienen, aus einem Nischenhaus, als Eau de Parfum oder Extrait konfektioniert, über 2,80 Euro je Milliliter. Wer bei diesem Wort mit einem höheren Preis rechnet, liegt öfter richtig als falsch – und wer den Duft trotzdem will, findet dafür mehr Dupes als in den beiden anderen Kategorien, nur eben nicht die billigsten.
Quellen
- Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 30. November 2009 über kosmetische Mittel, Artikel 19 (Kennzeichnung) · Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union (EUR-Lex) · abgerufen am 14. August 2026
- Eau de Cologne · Wikipedia · abgerufen am 14. August 2026
- Jicky · Wikipedia · abgerufen am 14. August 2026
- CK One · Wikipedia · abgerufen am 14. August 2026
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