Grundlagen

Warum die angegebenen Duftnoten oft nicht das sind, was man riecht

Notenlisten sind Marketing, keine Rezeptur. Was man trotzdem aus ihnen lesen kann.

von DupeVergleich · · 9 Min Lesezeit

Eine Notenliste sieht aus wie eine Zutatenliste. Sie steht auf der Produktseite in derselben Form, sie ist in Zeilen sortiert, und sie nennt Materialien: Bergamotte, Jasmin, Sandelholz. Wer sie liest, geht davon aus, dass diese Dinge im Flakon sind.

Sind sie in aller Regel nicht. Eine Notenliste wird nach dem Duft geschrieben, von der Marketingabteilung des Hauses oder von einer Redaktion, die den Duft nachträglich beschreibt. Sie unterliegt keiner Angabepflicht, keiner Prüfung und keinem Standard. Man darf hineinschreiben, was den Eindruck trifft – und was sich gut liest. Beides ist nicht dasselbe wie das, was der Parfümeur eingewogen hat.

In unserer Datenbank stehen 4308 Originale, für 1810 davon liegt eine Notenliste vor. Zusammen sind das 17.995 Zuordnungen, also knapp zehn Noten je Duft, verteilt auf 1405 verschiedene Notennamen. 645 dieser Namen kommen genau ein einziges Mal vor. Ein Vokabular, das sich über hundert Jahre standardisiert hätte, sähe anders aus. Allein für Vanille zählen wir 33 Schreibweisen über 881 Nennungen – von „Vanille“ über „Bourbon-Vanille“ und „Tahiti-Vanille Absolue“ bis zu „Bourbon-Vanille Orpur®“, wo eine Handelsmarke eines Rohstofflieferanten als Duftnote auf der Produktseite gelandet ist.

Zwei Listen, nur eine ist verbindlich

Die zweite Liste steht auf der Packung, nicht auf der Website: die INCI-Angabe. Dort erscheint die Duftkomposition als Sammelbegriff „Parfum“, ergänzt um einzeln aufgeführte Duftstoffe, die als Allergene gelten. Das ist die Liste, die der Gesetzgeber regelt.

Und sie wird gerade länger. Die Verordnung (EU) 2023/1545 nimmt 56 weitere Duftstoffe in die Kennzeichnungspflicht auf, womit rund 80 Einzelstoffe deklariert werden müssen, sobald sie 0,001 Prozent in Produkten überschreiten, die auf der Haut verbleiben (0,01 Prozent bei abzuspülenden Mitteln). Neu in Verkehr gebrachte Produkte müssen das seit dem 31. Juli 2026 erfüllen, Restbestände dürfen noch bis zum 31. Juli 2028 abverkauft werden. Auf den Etiketten tauchen damit Namen auf, die vorher nur intern existierten: Vanillin, Menthol, Camphor, Terpineol, Santalol.

Die beiden Listen benutzen nicht einmal dasselbe Vokabular. Auf der Website steht „Maiglöckchen“, auf der Schachtel steht Hydroxycitronellal oder Linalool. Es gibt keine Übersetzungstabelle zwischen ihnen, weil es keine Beziehung zwischen ihnen gibt. Die eine beschreibt einen Eindruck, die andere zählt Moleküle auf, die jemandem Ausschlag machen können.

Noten, die es als Rohstoff nicht gibt

Maiglöckchen ist das Standardbeispiel, und es steht in unseren Daten 142-mal in einer Notenliste; zusammen mit Flieder kommen 158 Düfte auf mindestens eine der beiden Blüten. Aus keiner von beiden lässt sich ein Duftstoff gewinnen. Die englische Wikipedia formuliert es für das Maiglöckchen unmissverständlich: Da sich kein natürlicher Aromaextrakt daraus herstellen lässt, muss der Geruch synthetisch nachgebaut werden. Historisch übernahm das Hydroxycitronellal, das die Europäische Chemikalienagentur inzwischen als hautreizend einstuft.

Dasselbe gilt für einen großen Teil des Obst- und Blütenvokabulars. Pfirsich (71 Nennungen), Freesie (59), Kokosnuss (40), Litschi (25), Frangipani (21), Lotus (18), Melone (17), Geißblatt (16), Erdbeere (15), Rhabarber (14) und Weißdorn (12) sind Zielbeschreibungen, keine Lieferpositionen. Seit den 1980er Jahren gibt es dafür ein eigenes Verfahren: Bei der Headspace-Technik wird die Luft um eine lebende Blüte gaschromatographisch analysiert und das Ergebnis anschließend aus verfügbaren Materialien rekonstruiert. Roman Kaiser gilt als einer der Pioniere; die Häuser vermarkten ihre Varianten als ScentTrek (Givaudan), NaturePrint (Firmenich) oder Aromascope (Takasago). Die Note ist danach eine Zielangabe, die getroffen werden soll – nicht der Stoff, mit dem man sie trifft.

Bei den tierischen Materialien ist der Abstand noch größer. Ambra steht 132-mal in unseren Notenlisten. Das Original stammt aus dem Verdauungstrakt von Pottwalen, wird als Strandgut gefunden und liegt bei einem Kilopreis in der Größenordnung von 80.000 Euro; der Handel mit Pottwalprodukten fällt unter das Washingtoner Artenschutzübereinkommen. Die deutsche Wikipedia hält fest, dass natürliches Ambra deshalb und wegen der Synthetisierung heute nicht mehr benötigt wird. Zibet (35 Nennungen) und Bibergeil (19) stehen vor demselben Problem.

Am deutlichsten wird die Lücke bei der zweithäufigsten Note überhaupt: 774 der 1810 Düfte mit Notenliste – 43 Prozent – führen irgendeine Form von Moschus, „Moschus“ allein 621-mal, „weißer Moschus“ weitere 147-mal. Die Zeile sagt nichts darüber, welches Molekül gemeint ist, und die Unterschiede zwischen den gängigen Moschusstoffen sind für die Haltbarkeit eines Dufts erheblich. Zwei Flakons mit identischer Notenzeile können hier vollkommen verschieden gebaut sein.

Der Stoff verschwindet, die Note bleibt stehen

Der stärkste Beleg dafür, dass Notenlisten nichts über den Inhalt aussagen, ist ihr Verhalten bei Verboten: Sie ändern sich nicht. Die Verordnung (EU) 2017/1410 untersagt drei Duftstoffe in Kosmetika – HICC, besser bekannt als Lyral, sowie Atranol und Chloratranol. In Verkehr gebracht werden durften solche Produkte letztmalig bis zum 23. August 2019, auf dem Markt bereitgestellt bis zum 23. August 2021. Die Kommission begründete die ungewöhnlich lange Frist selbst mit dem außergewöhnlich komplexen und langwierigen Verfahren der Neuzusammensetzung von Duftstoffen.

Lyral war eines der Arbeitspferde für genau die Blütenrichtung, um die es oben ging. Atranol und Chloratranol sind Bestandteile von natürlichem Eichenmoos-Extrakt – einer Note, die in unseren Daten 179-mal auftaucht und ohne die es den klassischen Chypre-Aufbau nicht gäbe. Wer heute in der EU ein Parfum mit Eichenmoos kauft, bekommt eine abgereicherte Qualität, nicht den Extrakt, den die Notenliste meint. Und Lilial, ein aromatischer Aldehyd, der nach Maiglöckchen roch, ist seit März 2022 durch die Verordnung (EU) 2021/1902 verboten, nachdem er als wahrscheinlich reproduktionstoxisch eingestuft worden war.

Auf den Produktseiten steht trotzdem unverändert, was dort seit Jahren steht. Das ist kein Betrug, sondern die logische Folge davon, dass die Liste nie verbindlich war: Was niemand prüfen muss, aktualisiert auch niemand. Praktisch heißt das, dass eine Notenliste zu einem Klassiker eine Rezeptur beschreiben kann, die in dieser Form nicht mehr verkauft werden darf.

Akkorde sagen, was ankommt

Die brauchbarere Angabe ist der Akkord. Ein Akkord ist kein Rohstoff, sondern der Eindruck, der aus dem Zusammenspiel entsteht – und er lässt sich nicht auf einzelne Noten zurückrechnen. Für 1490 Originale führen wir Akkorde. Die häufigsten sind süß (993 Düfte), würzig (972), holzig (787), blumig (676), frisch (623), fruchtig (471), orientalisch (438), pudrig (379), cremig (374) und Zitrus (350).

Der Vergleich mit dem Notenvokabular ist aufschlussreich. Blumig landet nur auf Platz vier, obwohl Blütennamen die Notenlisten dominieren – ein guter Teil der Blüten steht dort als Baumaterial, nicht als Ergebnis. Animalisch kommt als Akkord bei ganzen 30 Düften vor, während allein Moschus in 774 Notenlisten steht. Und umgekehrt gibt es einen Akkord, den keine Notenliste je enthält: synthetisch, bei 185 Düften vergeben. Ein Eindruck, für den es keine Zeile in der Pyramide gibt, weil ihn niemand freiwillig hineinschreibt.

Fahrenheit: 22 Noten, fünf Akkorde

Dior Fahrenheit von 1988 zeigt die Lücke zwischen beiden Listen besonders klar. Das Eau de Toilette steht in unserer Datenbank bei 7,9 von 10 aus 3094 Bewertungen, mit einem Haltbarkeitswert von 7,9 und einer Sillage von 7,7. Solche Werte sind Selbsteinschätzungen von Käufern, keine Labormessungen – für den Vergleich zwischen Düften taugen sie, für absolute Aussagen nicht. Der Flakon kostet 140 Euro für 100 ml, also 1,40 Euro pro Milliliter.

EbeneNoten
KopfKamille, Lavendel, Mandarine, Zeder, Bergamotte, Muskatblüte, Weißdorn, Zitrone
HerzVeilchenblatt, Muskat, Zeder, Gartennelke, Geißblatt, Jasmin, Maiglöckchen, Sandelholz
BasisLeder, Moschus, Patchouli, Vetiver, Amber, Tonkabohne

22 Noten, davon acht im Kopf. Das höchste Gewicht unserer Daten – die Note wird in der Quelle zuerst genannt – tragen Veilchenblatt im Herz und Leder in der Basis. Beide Zeilen enthalten wieder Positionen, die keine Rohstoffangabe sind: Maiglöckchen und Weißdorn haben wir oben behandelt, und was „Leder“ im Flakon konkret ist, sagt die Zeile ebenfalls nicht.

Die Akkordliste desselben Dufts ist kurz: würzig, ledrig, holzig, blumig, rauchig. Sie widerspricht der Pyramide an zwei Stellen. Bergamotte, Zitrone und Mandarine stehen im Kopf, ein Zitrus-Akkord kommt trotzdem nicht vor – die Zitrusnoten tragen hier, sie führen nicht. Und rauchig steht in keiner einzigen Notenzeile. Es ist ein Eindruck, der aus der Kombination entsteht und für den es kein Material gibt, das man auflisten könnte.

Bei den Dupes lässt sich das direkt ablesen. Wir führen für Fahrenheit neun Einträge, acht davon in regulärer Größe; die folgenden Preise stammen aus unserer Preis-pro-Milliliter-Rechnung auf Basis der günstigsten regulären Größe ab 20 ml, eine 5-ml-Probe bleibt draußen.

ShopEintragEuro pro mlNäheHaltbarkeit
DIVAINdivain.0480,27
The Essence VaultInspired by Fahrenheit – 4310,3387 %100 %
ÉCLAT604 – Leathery Violet Leaf0,4590 %78 %
L'ARISÉL'ARISE – 4520,4890 %98 %
Maison AffordKelvin0,5396 %106 %
Perfume ParlourStrong Thermometer For Men – 00950,6890 %95 %
Fenominal FragranceFenominal-1990,9091 %71 %
XSCENTRIC PARFUMDIXR FAHRENHEIT1,0890 %75 %

Zwei Einschränkungen, damit die Spalten nicht mehr behaupten, als sie können. Die Nähe ist ein Markenquerschnitt – sie sagt, wie dicht ein Anbieter im Mittel an seinen Vorlagen liegt, nicht wie exakt dieser eine Flakon getroffen ist; für DIVAIN haben wir keine belastbare Spanne, deshalb steht dort nichts statt einer geratenen Zahl. Die Haltbarkeit in Prozent des Originals ist eine redaktionelle Einschätzung, keine Messung.

Interessant ist der Name in der dritten Zeile. ÉCLAT nennt seinen Eintrag „Leathery Violet Leaf“ – ledriges Veilchenblatt. Der Shop verkauft damit exakt die beiden Positionen, die in unseren Daten das höchste Gewicht tragen, und formuliert sie als Eindruck statt als Pyramide. Das ist ehrlicher als eine abgeschriebene Notenliste, wie sie die meisten Dupe-Shops verwenden: Die Pyramide des Originals zu kopieren sagt nur, worauf sich ein Anbieter beruft, nicht was in seiner Flasche ist.

Die Preisspanne von 27 Cent bis 1,08 Euro pro Milliliter liegt komplett unter dem Original. Der teuerste Eintrag der Reihe ist zugleich einer der beiden mit der schwächsten Haltbarkeitseinschätzung: XSCENTRIC bei 75 Prozent, Fenominal bei 71 Prozent für 90 Cent pro Milliliter. Nach oben teurer heißt hier ausdrücklich nicht näher dran.

Dior Fahrenheit: vollständige Notenliste mit Gewichtung, Akkorde, 7,9 von 10 aus 3094 Bewertungen und acht Dupes ab 27 Cent pro ml

Man muss die Notenliste deswegen nicht ignorieren. Sie ist die einzige Angabe, die überhaupt eine Richtung nennt, und sie ist beim Vergleich zweier Düfte brauchbar, solange man sie als Beschreibung liest und nicht als Deklaration. Wer sie als Deklaration liest, sucht nach Sandelholz und findet ein Molekül, sucht nach Maiglöckchen und findet ein Verbot.

Die zuverlässigere Information steht auf der Packung, und die interessantere in der Akkordzeile. Beide sind unromantisch: Die eine nennt Allergene, die andere sagt „süß, holzig, rauchig“ statt „Nachtjasmin aus Grasse“. Genau deshalb stehen sie nicht in der Werbung.

Quellen

  1. Lily of the valley · Wikipedia · abgerufen am 14. August 2026
  2. Lilial · Wikipedia · abgerufen am 14. August 2026
  3. Verordnung (EU) 2017/1410 der Kommission zur Änderung der Anhänge II und III der Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 über kosmetische Mittel · EUR-Lex, Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union · abgerufen am 14. August 2026
  4. Verordnung (EU) 2023/1545 der Kommission zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 hinsichtlich der Kennzeichnung allergener Duftstoffe in kosmetischen Mitteln · EUR-Lex, Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union · abgerufen am 14. August 2026
  5. Ambra · Wikipedia · abgerufen am 14. August 2026
  6. Headspace technology · Wikipedia · abgerufen am 14. August 2026

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Die Ratgeber-Beiträge entstehen in der Redaktion von DupeVergleich – auf Basis der eigenen Datenbank mit gemessenen Preisen, Nähe-Bewertungen und Duftprofilen sowie der jeweils unter dem Text genannten Quellen. Redaktion

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