Grundlagen

Natürlich oder synthetisch: Die Frage ist falsch gestellt

Herkunft und Qualität eines Rohstoffs sind zwei verschiedene Dinge. Was unsere Daten zu 4308 Düften und die EU-Kosmetikverordnung dazu sagen – und warum ausgerechnet Rosenöl auf der Allergenliste steht.

von DupeVergleich · · 7 Min Lesezeit

Die Frage taucht in fast jeder Kaufberatung auf: Ist da echtes Sandelholz drin oder nur Chemie? Sie klingt vernünftig und führt trotzdem in die Irre, weil sie zwei Dinge vermengt – die Herkunft eines Rohstoffs und seine Qualität. Das eine sagt über das andere nichts.

Unsere Datenbank enthält 4308 Originale, für 1490 davon liegen Bewertungen aus der Duftgemeinschaft vor. Das sind Selbsteinschätzungen von Nutzern, keine Labordaten, aber für alle Düfte gilt derselbe Maßstab; der Schnitt liegt bei 7,94 von 10. Wer diese 1490 Düfte danach sortiert, wie natürlich ihre Notenlisten klingen, bekommt keine Rangfolge, sondern ein Durcheinander. Der Grund ist banal: Praktisch jeder moderne Duft ist beides.

Die brauchbaren Fragen liegen dahinter. Gibt es die genannte Note als Rohstoff überhaupt? Was kostet sie, wenn man sie nimmt? Und was passiert, wenn ein Material verboten wird oder nicht mehr nachwächst? Darauf gibt es Antworten, die man nachrechnen kann.

Vanille zeigt, warum die Trennung nicht trägt

Vanille ist mit 692 Nennungen die häufigste Note in unseren Daten. Der Geruchsträger dahinter ist Vanillin, ein einzelnes Molekül. Ob es aus der Schote stammt oder aus dem Reaktor, ändert an diesem Molekül nichts – eine Nase kann es nicht unterscheiden, weil es nichts zu unterscheiden gibt. Wilhelm Haarmann und Ferdinand Tiemann gelang die erste Synthese 1874 in Holzminden, aus dem Naturstoff Coniferin.

Die Größenordnung, in der das heute geschieht, macht die Debatte fast gegenstandslos. Wikipedia nennt für 2004 einen weltweiten Vanillin-Verbrauch von rund 15.000 Tonnen. Aus den etwa 2000 Tonnen jährlich geernteter echter Vanilleschoten lassen sich rund 40 Tonnen Vanillin gewinnen. Über 99,7 Prozent des in Verkehr gebrachten Vanillins sind demnach nicht natürlichen Ursprungs. Wer Vanille riecht – im Parfum, im Eis, im Gebäck –, riecht mit hoher Wahrscheinlichkeit synthetisches Vanillin.

Ein Unterschied bleibt, aber ein anderer als erwartet: Der Naturstoff ist ein Gemisch. Eine Vanilleschote liefert neben Vanillin Dutzende Begleitstoffe, und deren Verhältnis schwankt mit Herkunft, Ernte und Jahrgang. Das kann interessanter riechen als der Reinstoff. Es macht die Arbeit aber schwerer, wenn ein Duft über Jahre gleich riechen soll. Das ist kein Qualitätsurteil, sondern Handwerk.

Noten, die es als Rohstoff nie gab

287 Düfte in unserer Datenbank nennen mindestens eine Blüte aus dieser Gruppe: Maiglöckchen, Freesie, Pfingstrose, Gardenie, Flieder. Allein 142 führen Maiglöckchen. In der Branche heißen sie stumme Blüten – sie geben kein brauchbares ätherisches Öl her. The Perfume Society formuliert es für Maiglöckchen so, dass die Blüten mit ihrem Öl äußerst geizig sind und der Duft deshalb meist mit synthetischen Materialien nachgebaut wird. Genannt werden dort drei: Lilial, Lyral und Hydroxycitronellal.

Zwei davon sind in der EU inzwischen verboten. Lyral, chemisch HICC, kam mit der Verordnung (EU) 2017/1410 zusammen mit den Eichenmoos-Bestandteilen Atranol und Chloratranol in Anhang II der Kosmetikverordnung: ab 23. August 2019 kein Inverkehrbringen mehr, ab 23. August 2021 keine Bereitstellung. Lilial folgte mit der Verordnung (EU) 2021/1902 vom 29. Oktober 2021, die den Stoff unter der Bezeichnung 2-(4-tert-Butylbenzyl)propionaldehyd als Eintrag 1666 in Anhang II aufnimmt – Grund ist die Einstufung als reproduktionstoxisch. Das Verbot gilt seit dem 1. März 2022.

Wer heute in Europa Maiglöckchen riecht, riecht also den Nachbau eines Nachbaus. Und das lässt sich nicht dadurch heilen, dass man auf Natur ausweicht: Es gibt kein natürliches Maiglöckchenöl, auf das man zurückfallen könnte. Wo die Pflanze nichts hergibt, ist die Synthese nicht die billigere Variante, sondern die einzige.

Was echte Natur kostet, steht im Preis

Oud wird in unseren Daten 136-mal genannt. Der Rohstoff dahinter ist Adlerholz: Nicht das Holz selbst ist wertvoll, sondern ein Harz, das der Baum als Reaktion auf Verwundung oder Pilzbefall bildet. Nur etwa sieben bis zehn Prozent der wild wachsenden Bäume weisen diesen Befall auf. Für höchste Qualität werden bis zu 250.000 Euro je Kilogramm aufgerufen, und alle Adlerholzarten der Gattungen Aquilaria und Gyrinops fallen unter das Washingtoner Artenschutzabkommen.

Zwei Düfte aus unserer Datenbank, beide mit Oud im Höchstgewicht der Notenliste: Tom Ford Oud Wood (2007, Eau de Parfum) kostet 274 Euro für 50 ml, also 5,48 Euro pro Milliliter, und steht bei 8,4 Punkten aus 6649 Bewertungen. Lattafa Oud for Glory kostet 23 Euro für 100 ml, also 23 Cent pro Milliliter, und steht bei 7,6 Punkten aus 2621 Bewertungen.

DuftPreis pro mlBewertungStimmen
Tom Ford Oud Wood5,48 €8,46649
Lattafa Oud for Glory0,23 €7,62621

Das Fast-24-Fache an Preis für 0,8 Punkte Unterschied. Und wichtiger als der Vergleich ist, was die Rechnung über die Rezeptur verrät: In 23 Cent pro Milliliter stecken Flakon, Abfüllung, Verpackung, Steuer und Handelsspanne. Für ein Material, dessen Spitzenqualität sechsstellig pro Kilogramm kostet, bleibt darin kein Raum. Das ist kein Betrug, sondern der Normalfall – der Oud-Charakter wird aus anderen, verfügbaren Materialien gebaut. Notenlisten beschreiben einen Eindruck, keine Zutatenliste. Das gilt in beide Richtungen: Oud Wood führt neben Oud im Herzen auch brasilianisches Rosenholz im Kopf und Tonkabohne in der Basis, alle drei mit Höchstgewicht. Wie viel davon aus der jeweiligen Pflanze stammt, steht nirgends – auch nicht bei 5,48 Euro pro Milliliter.

Die Allergenliste zeigt in die andere Richtung

Wer natürlich mit verträglicher gleichsetzt, wird von der Kosmetikverordnung korrigiert. Die Verordnung (EU) 2023/1545 vom 26. Juli 2023 nimmt 56 weitere Duftstoffe in Anhang III auf; sie müssen ab 0,001 Prozent in Mitteln, die auf der Haut bleiben, und ab 0,01 Prozent in abzuspülenden Mitteln einzeln in der Inhaltsstoffliste stehen. Die Übergangsfristen: Neue Ware durfte bis zum 31. Juli 2026 ohne die erweiterte Kennzeichnung in Verkehr gebracht werden, bis zum 31. Juli 2028 darf sie noch abverkauft werden. Die erste Frist ist gerade abgelaufen.

Interessant ist, was auf dieser Liste steht. Die Einträge 347 bis 367 sind fast durchweg Pflanzenöle: Ylang-Ylang, Zimtrindenöl, Neroli und Orangenschalenöl, Bergamottöl, Zitronenöl, Nelkenöl, Jasminöl und -extrakt, Lavendelöl, Pfefferminzöl, Narzissenextrakt, Rosengeranienöl, Patchouliöl, Rosenöl und Sandelholzöl. An anderer Stelle stehen Perubalsam, Terpentin und Zedernöl. Also genau die Materialien, die eine Marke meint, wenn sie mit Natürlichkeit wirbt.

In unseren Daten sind das die meistgenannten Noten überhaupt – Bergamotte 621-mal, Patchouli 525-mal, Sandelholz 517-mal, Jasmin 448-mal, Rose 330-mal, Lavendel 218-mal, Ylang-Ylang 138-mal. Der Grund für die Aufnahme ist keine Feindschaft gegen Pflanzen, sondern Chemie: Ein ätherisches Öl ist ein Gemisch aus Dutzenden Einzelsubstanzen, und einige davon sind als Kontaktallergene bekannt. Ein Reinstoff enthält eine Substanz. Das macht Naturstoffe nicht gefährlich, aber es macht sie schwerer zu kontrollieren – und es widerlegt die Vorstellung, natürlich sei automatisch die harmlosere Seite.

Warum Dupes ohne Synthetik nicht existieren würden

Der klarste Fall in unserer Datenbank ist Escentric Molecules Molecule 01 von 2006. Die Notenliste kennt genau einen Eintrag: Iso E Super. Die Akkorde lauten frisch, holzig und synthetisch, alle drei mit Höchstgewicht. Der Duft kostet 145 Euro für 100 ml, also 1,45 Euro pro Milliliter, und steht bei 7,5 Punkten aus 2722 Bewertungen. Man kauft hier, so weit unsere Daten reichen, eine einzige Substanz in Alkohol.

Sieben Anbieter haben einen Dupe dazu im Programm. Der günstigste, divain.576, liegt bei 27,95 Cent pro Milliliter (4,3 von 5 aus 226 Kundenbewertungen), der teuerste bei 90 Cent. Die Ähnlichkeitsangaben von 84 bis 95 Prozent sind Markenquerschnitte aus Anbieterangaben, kein Messwert für den einzelnen Flakon – bei einem Duft aus einem einzigen Molekül geht es ohnehin nicht um die Rezeptur, sondern um Dosierung und Alkoholqualität.

Diese Reproduzierbarkeit ist die Geschäftsgrundlage der gesamten Dupe-Branche. Ein Molekül lässt sich in gleichbleibender Qualität nachkaufen, ein Naturextrakt schwankt von Charge zu Charge. Ob Düfte mit hohem Naturanteil deshalb schwerer nachzubauen sind, können wir mit unseren Daten nicht prüfen – Rezepturen liegen uns nicht vor, und die Notenlisten der Hersteller taugen dafür nicht. Das bleibt offen.

Was sich prüfen lässt, ist die Wahrnehmung. 185 der bewerteten Originale tragen den Akkord „Synthetisch“ und kommen im Schnitt auf 7,56 Punkte, die übrigen 1305 auf 8,00 – der niedrigste Wert aller Akkorde mit mindestens 20 Düften. Das misst allerdings keine Zutatenliste, sondern einen Eindruck: einen bestimmten scharfen, holzig-ambrierten Charakter, den viele Nutzer als chemisch beschreiben. Die anderen 1305 Düfte enthalten deswegen nicht weniger Synthetik, sie tragen sie nur unauffälliger. 168 Originale nennen ein Molekül sogar offen beim Namen – Ambroxan 81-mal, Cashmeran 44-mal, Hedion und Cumarin je 22-mal.

Escentric Molecules Molecule 01: ein Duft aus einer einzigen Substanz, 7,5 Punkte aus 2722 Bewertungen, sieben Dupes ab 28 Cent pro Milliliter

Die Werbung mit Natürlichkeit funktioniert, weil sie eine Herkunft verspricht, wo in Wahrheit eine Entscheidung steht. Rosenöl im Flakon heißt nicht, dass jemand die Rose gut eingesetzt hat, und Ambroxan heißt nicht, dass er es schlecht getan hat. Was tatsächlich drin ist, steht seit Ende Juli 2026 etwas vollständiger auf der Verpackung als vorher. Was es taugt, steht dort weiterhin nicht.

Quellen

  1. Vanillin · Wikipedia · abgerufen am 14. August 2026
  2. Lily Of The Valley · The Perfume Society · abgerufen am 14. August 2026
  3. Verordnung (EU) 2017/1410 der Kommission vom 2. August 2017 zur Änderung der Anhänge II und III der Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 über kosmetische Mittel · Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union (EUR-Lex) · abgerufen am 14. August 2026
  4. Verordnung (EU) 2021/1902 der Kommission vom 29. Oktober 2021 zur Änderung der Anhänge II, III und V der Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 über kosmetische Mittel · Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union (EUR-Lex) · abgerufen am 14. August 2026
  5. Verordnung (EU) 2023/1545 der Kommission vom 26. Juli 2023 zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 hinsichtlich der Kennzeichnung von Duftstoffallergenen in kosmetischen Mitteln · Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union (EUR-Lex) · abgerufen am 14. August 2026
  6. Adlerholz · Wikipedia · abgerufen am 14. August 2026

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