Grundlagen

Die Duftpyramide: Kopf, Herz, Basis – und was davon stimmt

Ein Modell aus der Werbung, das trotzdem etwas erklärt. Wie ein Duft sich über Stunden entfaltet und woran das liegt.

von DupeVergleich · · 9 Min Lesezeit

Auf fast jeder Produktseite steht dasselbe Dreieck: oben die Kopfnote, in der Mitte das Herz, unten die Basis. Es sieht aus wie ein Bauplan, und viele lesen es auch so – als hätte der Parfümeur den Duft in drei Stockwerke einsortiert, die nacheinander aufgehen wie Türen in einem Adventskalender.

So funktioniert es nicht. Ein Parfum ist eine einzige Mischung, die von der ersten Sekunde an vollständig auf der Haut liegt. Nichts wird nachgeliefert. Was sich ändert, ist nur, welche Bestandteile noch da sind – die leichten sind nach zwanzig Minuten in der Luft, die schweren liegen abends noch auf dem Pullover. Die Pyramide zeichnet keinen Aufbau, sie zeichnet eine Verlustkurve.

Das klingt nach einer Abrechnung mit dem Modell, ist aber keine. Die Pyramide ist eine grobe Vereinfachung, und sie ist trotzdem das nützlichste Werkzeug, das man beim Dupe-Kauf in der Hand hat – wenn man weiß, welcher Teil davon auf Physik beruht und welcher auf Redaktionsarbeit.

Woher das Dreieck kommt

Die Einteilung nach Kopf, Herz und Basis ist älter als die moderne Parfümwerbung. Die englischsprachige Wikipedia datiert das Konzept der Duftpyramide ins 19. Jahrhundert und nennt François Coty – den Schöpfer des Chypre von 1917 – als einen der Pioniere, die es bekannt gemacht haben.

Die Form, in der es heute unterrichtet wird, geht auf Jean Carles zurück (1892–1966), Parfümeur bei Roure Bertrand in Grasse. Carles gründete 1946 die Roure-Parfümschule und war ihr erster Leiter; zu seinen Schülern zählte Jacques Polge, der spätere Hausparfümeur von Chanel. Statt sich durch Versuch und Irrtum zu tasten, kombinierte Carles Rohstoffpaare systematisch in verschiedenen Verhältnissen und ordnete alle Materialien nach ihrer Flüchtigkeit in Kopf-, Herz- und Basisgruppen. Er selbst schuf unter anderem Tabu (1932), Ma Griffe (1946) und – zusammen mit Paul Vacher – Miss Dior (1947). Gegen Ende seines Lebens war er anosmisch, konnte also nichts mehr riechen, und arbeitete aus dem Gedächtnis weiter, unterstützt von seinem Sohn Marcel.

Ein Detail daran wird selten erwähnt und ist der interessanteste Teil: Carles baute seine Kompositionen von unten nach oben. Zuerst der Basisakkord, dann das Herz darüber, zuletzt der Kopf. Der Käufer liest die Pyramide also genau in der Gegenrichtung, in der sie entstanden ist – und in der Gegenrichtung ihrer Bedeutung. Die Zeile ganz unten ist die, die den Duft trägt.

Der harte Kern: Flüchtigkeit

Was an der Pyramide messbar ist, ist die Flüchtigkeit – wie leicht ein Molekül von der Haut in die Luft übergeht. Die Parfümerie arbeitet dafür mit Verdunstungskoeffizienten: Wikipedia gibt für Kopfnoten den Bereich 1 bis 14 an, für Herznoten 15 bis 60, für Basisnoten 61 bis 100. Das ist keine Geschmacksfrage, das ist eine Stoffeigenschaft.

Die zeitlichen Angaben dazu sind wesentlich unschärfer, als die Werbung sie erscheinen lässt. Wikipedia nennt für Herznoten ein Verschwinden zwischen zwanzig Minuten und einer Stunde nach dem Auftragen, während Basisnoten typischerweise erst nach etwa dreißig Minuten deutlich hervortreten und noch mehr als vierundzwanzig Stunden später nachweisbar sein können. Die deutsche Wikipedia verzichtet in ihrem Parfüm-Artikel ganz auf Stundenangaben und beschreibt nur die Reihenfolge: Kopfnote in den ersten Minuten, Herznote in den Stunden danach, Basisnote als letzter Teil des Duftablaufs.

Die Phasen überlappen also erheblich. Zu dem Zeitpunkt, an dem die Basis für die Nase in den Vordergrund tritt, war sie längst da – sie war nur überdeckt. Wer eine saubere Ablösung erwartet, sucht etwas, das es nicht gibt.

Bemerkenswert ist auch, wie offen dieselbe Wikipedia-Seite den Zweck der Notenangaben benennt: Die Vorstellung von Duftnoten diene in erster Linie der Vermarktung von Feinparfums; Parfümeure benutzten den Begriff vor allem beschreibend, wenn sie Laien ihre Arbeit erklären. Eine Notenliste ist kein Auszug aus der Rezeptur. Sie ist ein Text, den jemand geschrieben hat.

Was 1810 Duftpyramiden zeigen

In unserer Datenbank stehen 4308 Originale. Für 1810 davon liegt eine Notenliste vor. 1488 dieser Listen sind tatsächlich in Ebenen aufgeteilt, bei 322 gibt die Quelle nur einen undifferenzierten Haufen Noten aus, ohne Angabe, was Kopf und was Basis ist. Das ist der erste nüchterne Befund: Nicht einmal jeder zweite erfasste Duft kommt überhaupt mit einer Pyramide daher.

Bei denen, die eine haben, verteilen sich 4869 Nennungen auf den Kopf, 5090 auf das Herz und 6011 auf die Basis. Rechnet man auf den einzelnen Duft um, ergibt das im Schnitt 3,29 Kopfnoten, 3,43 Herznoten und 4,05 Basisnoten. Die Zeichnung stimmt insofern: Nach unten wird sie breiter.

Nur eben nicht immer. Von 1480 Düften mit vollständiger Kopf- und Basisebene haben 729 mehr Basis- als Kopfnoten, 476 gleich viele und 275 mehr Kopf- als Basisnoten. In knapp einem Fünftel der Fälle steht die Pyramide also auf dem Kopf. Ein Modell, das in 19 Prozent der Fälle die eigene geometrische Form verfehlt, sollte man als Faustregel behandeln und nicht als Struktur.

Wo die Physik dagegen deutlich durchschlägt, ist die Frage, welche Materialien auf welcher Ebene landen. Die häufigsten Kopfnoten unserer Daten sind Bergamotte (563 Nennungen), Mandarine (221), Zitrone (204), rosa Pfeffer (133) und Kardamom (129) – überwiegend Zitrusöle und leichte Gewürze. Die häufigsten Basisnoten sind Vanille (538), Moschus (518), Amber (426), Sandelholz (408) und Patchouli (362) – Harze, Hölzer, Moschusmoleküle. Diese Trennung ist keine Konvention, sie folgt dem Molekulargewicht.

Dieselbe Note, drei verschiedene Ebenen

Der Punkt, an dem das Modell erkennbar weicher wird, sind die Materialien in der Mitte. Wir haben für alle Noten mit mindestens 60 Nennungen gezählt, wie oft sie auf welcher Ebene stehen. Bei einer ganzen Reihe von ihnen verteilt sich das über alle drei.

NoteKopfHerzBasis
Honig122524
Weihrauch3061106
Iris1812336
Tabak112446
Zimt7310217
Safran933114
rosa Pfeffer1332613
Oud73682

Honig steht 12-mal im Kopf, 25-mal im Herz und 24-mal in der Basis – praktisch beliebig. Weihrauch verteilt sich über alle drei Ebenen mit einem Schwerpunkt unten. Iris sitzt meist im Herz, taucht aber 36-mal in der Basis auf. Zum Vergleich: Bergamotte steht in unseren Daten 563-mal im Kopf und kein einziges Mal in der Basis.

Dafür gibt es zwei Erklärungen, und beide treffen zu. Erstens sind das oft keine einheitlichen Stoffe: „Weihrauch“ kann ein leichtes Kopfdestillat sein oder ein zähes Harz, „Honig“ ein blumig-heller Akzent oder ein schwerer, animalischer Klotz. Zweitens schreiben unterschiedliche Redaktionen unterschiedliche Listen. Wo eine Note nicht eindeutig auf eine Ebene gehört, entscheidet der, der den Text tippt. Bei Bergamotte hat er keine Wahl.

Ein Beispiel mit Zahlen: Layton

Parfums de Marly Layton von 2016 eignet sich gut, weil die Pyramide ungewöhnlich klar geschnitten ist. Der Duft steht in unserer Datenbank bei 8,6 von 10 aus 8879 Bewertungen, mit einem Haltbarkeitswert von 8,3 und einer Sillage von 8,0. Ein Hinweis, der für alle Zahlen dieser Art gilt: Das sind Selbsteinschätzungen von Käufern, keine Labormessungen – für den Vergleich zwischen Düften taugen sie, für absolute Aussagen nicht. Der Originalflakon kostet 225 Euro für 75 ml, also 3,00 Euro pro Milliliter.

EbeneNoten (in der Reihenfolge der Nennung)
KopfApfel, Lavendel, Bergamotte
HerzJasmin, Rosengeranie, Veilchen
BasisVanille, Amber, Guajakholz, karamellisierte Kaffeebohne, Patchouli, rosa Pfeffer

Drei Kopfnoten, drei Herznoten, sechs Basisnoten. Die Gewichtung in unserer Datenbank bildet ab, an welcher Stelle eine Note genannt wird – zuerst genannt heißt höchstes Gewicht. Ganz vorn stehen Apfel im Kopf und Vanille in der Basis. Die Hauptakkorde des Dufts lauten süß, würzig, fruchtig, holzig, orientalisch.

Man kann daraus vorhersagen, was passiert, ohne den Duft je gerochen zu haben: Der Apfel ist ein Auftritt, kein Charakterzug. Bergamotte ist nach zwanzig Minuten weg. Was bleibt, sind Vanille, Amber, Guajakholz und Patchouli – und genau das erklärt den hohen Haltbarkeitswert. Die drei Herznoten dagegen sind in der Liste nachrangig geführt, und der Duft wird in der Praxis auch nicht als Blumenduft beschrieben, sondern über seine süß-würzige Achse.

Warum das beim Dupe-Kauf zählt

Für Layton führen wir 16 Dupe-Einträge mit regulärer Größe. Die Preise pro Milliliter reichen von 27 Cent bei DIVAIN über 33 Cent bei The Essence Vault und 53 Cent bei Maison Afford bis zu 2,50 Euro für ein Parfümöl von Misk Store. Selbst der teuerste Eintrag liegt unter dem Originalpreis von 3,00 Euro pro ml, der günstigste bei knapp einem Zehntel davon.

AnbieterDupe€/mlNäheHaltbarkeit
DIVAINdivain.6950,27
The Essence VaultInspired by Layton – 9500,3383 %89 %
Maison AffordLeek0,5398 %98 %
Dalal DuftzwillingeDalal 410,5491 %96 %
Fiore ParfumsNegril0,9092 %73 %
Kazaar FragrancesApollo1,0093 %105 %
Misk StoreLately Parfümöl2,5093 %92 %

Zwei Einschränkungen zu dieser Tabelle, damit die Zahlen nicht mehr bedeuten, als sie können. Die Nähe ist ein Markenquerschnitt: Sie sagt, wie dicht ein Anbieter im Mittel an seine Vorlagen herankommt, nicht wie exakt dieser eine Flakon getroffen ist. Bei einem Anbieter der Tabelle fehlt sie ganz, weil wir für ihn keine belastbare Spanne haben – dann steht dort nichts statt einer geratenen Zahl. Die Haltbarkeit in Prozent ist eine redaktionelle Einschätzung im Verhältnis zum Original, keine Messung.

Trotzdem steht in der Tabelle etwas, das man ernst nehmen sollte: Der Eintrag von Fiore Parfums kommt bei vergleichbarer Nähe auf 73 Prozent der Haltbarkeit des Originals – der schwächste Wert der Reihe, bei 90 Cent pro Milliliter. Das ist der Fall, vor dem die Pyramide warnt und den ein Test im Laden nicht aufdeckt: Ein Dupe kann den Kopf sehr überzeugend treffen und trotzdem in der Basis dünner gebaut sein. Der Apfel ist billig nachzubauen. Vanille, Amber und Guajakholz in ausreichender Dosierung sind es nicht.

Für Dupes führen wir bewusst keine eigenen Notenlisten. Die Shops geben in aller Regel ohnehin die Pyramide des Originals wieder, und ein solcher Abschrieb ist keine Information – er sagt nur, worauf sich der Anbieter beruft, nicht was in der Flasche ist. Die einzige Notenliste mit Aussagewert ist die des Originals, und die liest man von unten.

Parfums de Marly Layton: vollständige Duftpyramide, 8,6 von 10 aus 8879 Bewertungen und 16 Dupes ab 27 Cent pro ml

Die praktische Konsequenz ist unspektakulär. Beim Vergleich zweier Düfte überspringt man die Kopfzeile und liest die Basis; sie sagt mehr über die nächsten sechs Stunden als alles darüber. Bei einer Probe wartet man mindestens dreißig Minuten, bevor man urteilt, weil die Basis vorher gar nicht in den Vordergrund getreten ist. Und bei einer Note, die auf verschiedenen Seiten mal im Herz und mal in der Basis auftaucht, geht man davon aus, dass sich niemand sicher ist.

Die Duftpyramide ist ein Lehrmodell aus einer Parfümschule, das die Werbung übernommen hat, weil es sich gut zeichnen lässt. Sie beschreibt keine drei Phasen, sondern die Reihenfolge, in der ein Gemisch auseinanderfällt. Das ist weniger, als das Dreieck verspricht – und immer noch genug, um zu wissen, was man abends noch an sich hat.

Quellen

  1. Note (perfumery) · Wikipedia · abgerufen am 14. August 2026
  2. Jean Carles · Wikipedia · abgerufen am 14. August 2026
  3. Parfüm · Wikipedia · abgerufen am 14. August 2026

Über DupeVergleich

Die Ratgeber-Beiträge entstehen in der Redaktion von DupeVergleich – auf Basis der eigenen Datenbank mit gemessenen Preisen, Nähe-Bewertungen und Duftprofilen sowie der jeweils unter dem Text genannten Quellen. Redaktion

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Zur Einordnung. DupeVergleich ist ein unabhängiges Vergleichsprojekt und kein Händler. Duftbeschreibungen sind Einschätzungen auf Grundlage öffentlich zugänglicher Angaben und der in unserer Datenbank erfassten Werte – kein Labortest. Preise und Verfügbarkeiten ändern sich laufend und gelten ohne Gewähr.

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