Grundlagen

Die Duftfamilien im Überblick: Wo sich jeder Duft einordnet

Fougère, Chypre, Orientalisch, Aquatisch – die Landkarte, mit der sich jeder neue Duft verorten lässt.

von DupeVergleich · · 9 Min Lesezeit

Auf der Produktseite steht „orientalisch-holzig“, auf dem Kärtchen daneben „Woody Amber“, in der Rezension „modernes Chypre“ – teils für denselben Flakon. Das ist keine Schlamperei im Handel, sondern die Folge davon, dass in der Parfümerie mindestens drei Ordnungssysteme nebeneinanderlaufen: historische Familien, die nach einzelnen Parfums benannt sind, kommerzielle Dufträder für den Verkaufstisch und Akkordlisten, wie sie Bewertungsgemeinschaften führen.

Wir arbeiten mit dem dritten System. In unserer Datenbank stehen 4308 Originale; für 1490 davon liegen Akkorde vor – jeweils genau fünf pro Duft, gewichtet von 1 (prägend) bis 3 (angedeutet). Ein Akkord ist dabei nicht eine einzelne Zutat, sondern der Gesamteindruck, den mehrere Zutaten zusammen ergeben. Diese Einordnungen stammen von Käufern, nicht aus dem Labor; das gilt für alle Community-Werte in diesem Artikel. Als Landkarte taugen sie trotzdem, weil derselbe Maßstab für alle 1490 Düfte gilt.

Die Landkarte sieht anders aus, als die Lehrbücher vermuten lassen. Die beiden berühmtesten Familien der Parfümgeschichte, Chypre und Fougère, tauchen in 48 beziehungsweise 19 dieser 1490 Düfte auf. „Süß“ taucht in 993 auf.

Die klassischen Familien sind Rezepte, keine Schubladen

Fougère und Chypre hat niemand am Reißbrett als Kategorie entworfen. Es sind zwei konkrete Parfums, die so oft nachgebaut wurden, dass ihr Aufbau zum Gattungsnamen wurde – der erste dokumentierte Fall von Dupes, die eine ganze Familie begründen.

Fougère Royale entstand 1882, komponiert von Paul Parquet für das Haus Houbigant. Es gilt als eines der ersten Parfums, die gezielt mit synthetischen Riechstoffen arbeiteten. Der Schlüsselstoff war Cumarin, 1868 erstmals synthetisiert, mit einem süßlich-heuartigen Geruch. Der Akkord, der davon übrig blieb, besteht aus drei Elementen: Lavendel im Kopf, Cumarin im Zentrum, Eichenmoos in der Basis. Fougère ist das französische Wort für Farn.

Chypre geht auf François Coty zurück, der 1917 ein gleichnamiges Parfum vorstellte; der Name verweist auf Zypern, weil die Rohstoffe überwiegend aus dem Mittelmeerraum kamen. Der Akkord besteht aus fünf Bausteinen: Zitrus (meist Bergamotte), Labdanum, Eichenmoos, Patchouli und Moschus. Beides sind also Bauanleitungen, keine Stimmungsbegriffe.

In unseren Daten hält die Definition stand. Von den 48 Düften mit Chypre-Akkord führen 35 Bergamotte in der Notenliste und 34 Eichenmoos, dazu Jasmin (33), Vetiver (27), Rose (25) und Patchouli (24). Von den 19 Düften mit Fougère-Akkord führen 12 Lavendel, 12 Patchouli, 9 Eichenmoos und 9 Bergamotte. Bei „frisch“ oder „süß“ gibt es diese Deckung nicht – dort trägt keine einzelne Zutat den Namen der Familie.

Vom Rezept zum Rad

Das heute verbreitetste Ordnungssystem im Handel ist das Fragrance Wheel von Michael Edwards, 1992 eingeführt und zuletzt 2010 überarbeitet. Es kennt vier Hauptfamilien – Floral, Amber (früher Oriental), Woody und Fresh –, die in Untergruppen zerfallen; die Floral-Familie etwa in Floral, Soft Floral und Floral Amber. Jede Untergruppe wird zusätzlich nach Intensität sortiert. Vorläufer gab es: Paul Jellinek legte 1949 ein „Odor Effects Diagram“ vor, U. Harder 1979 bei Haarmann & Reimer einen Duftkreis.

Der entscheidende Unterschied zu unseren Daten ist nicht die Benennung, sondern die Zuordnung. Ein Rad steckt jeden Duft in genau ein Feld. Eine Akkordliste gibt jedem Duft fünf gleichzeitig. Chloé Nomade trägt bei uns Chypre und Süß mit Gewicht 1, dann Frisch, Blumig und Fruchtig. Wer nur „Chypre“ liest, verpasst die Hälfte; wer nur „fruchtig-blumig“ liest, ebenfalls.

Was in 1490 Düften tatsächlich steht

Zählt man aus, welcher Akkord wie oft unter den fünf eines Dufts auftaucht, ergibt sich diese Verteilung. Die Prozentzahl bezieht sich auf alle 1490 Düfte mit Akkorddaten, die Bewertung ist die Gesamtnote auf einer Skala von 1 bis 10.

AkkordDüfteAnteilØ Bewertung
Süß99367 %7,94
Würzig97265 %8,02
Holzig78753 %7,99
Blumig67645 %7,88
Frisch62342 %7,85
Fruchtig47132 %7,87
Orientalisch43829 %8,07
Pudrig37925 %7,89
Cremig37425 %8,00
Zitrus35023 %7,95
Gourmand31021 %7,99
Grün24717 %7,92
Synthetisch18512 %7,56
Rauchig14510 %8,04
Ledrig1289 %8,03
Harzig1248 %8,09
Aquatisch1047 %7,79
Chypre483 %8,04
Erdig473 %7,95
Animalisch302 %8,10
Fougère191 %8,03

Die rechte Spalte ist die unauffälligste und zugleich die aufschlussreichste. Zwischen dem am schlechtesten bewerteten Akkord (Synthetisch, 7,56) und dem besten (Animalisch, 8,10) liegen 0,54 Punkte. Die Duftfamilie entscheidet also praktisch nicht darüber, ob ein Duft gefällt. Sie entscheidet darüber, wem er gefällt – und wie viele überhaupt hinsehen: Hinter den süßen Düften stehen 1,09 Millionen abgegebene Stimmen, hinter den Fougères 16 758.

Bei der Zielgruppenzuordnung wird es dann deutlich. Blumig ist mit 423 Damen- gegen 82 Herrendüften die klarste Damenkategorie, Pudrig folgt mit 248 zu 58. Umgekehrt stehen bei Zitrus 55 Damen- gegen 172 Herrendüfte, bei Ledrig 13 zu 73, bei Aquatisch 12 zu 58. Fougère ist der Extremfall: 18 Herrendüfte, ein Unisex-Duft, kein einziger Damenduft. Diese Zuordnung ist allerdings die des Herstellers, kein Befund über den Geruch – sie sagt, wie ein Duft vermarktet wurde.

Jede Familie hat einen Jahrgang

Sortiert man die 1437 Düfte mit Jahresangabe nach Erscheinungsjahr, zeigt sich, dass Duftfamilien Moden sind. Der Durchschnittsjahrgang unterscheidet sich um vier Jahrzehnte.

AkkordØ Jahrvor 20002000–2014ab 2015
Chypre19773673
Animalisch19891757
Grün2004609286
Blumig2007120242294
Pudrig200766155144
Orientalisch200976158184
Holzig2010116282365
Fruchtig201533128293
Gourmand20161383202
Cremig2017757299

Chypre ist damit in unserer Datenbank praktisch ein historisches Genre: 36 von 46 datierten Einträgen stammen aus der Zeit vor 2000, drei aus den letzten elf Jahren. Ein Grund, der oft genannt wird, ist die Regulierung des Eichenmooses. Die Verordnung (EU) 2017/1410 hat Atranol und Chloratranol – zwei natürliche Bestandteile des Eichenmoos-Extrakts – in Anhang II der Kosmetikverordnung aufgenommen und damit verboten; ab dem 23. August 2019 durften entsprechende Produkte nicht mehr in Verkehr gebracht, ab dem 23. August 2021 nicht mehr bereitgestellt werden. Eichenmoos- und Baummoos-Extrakt selbst bleiben unter den Einträgen 91 und 92 des Anhangs III erlaubt, aber beschränkt.

Als Erklärung reicht das nicht. Der Bruch in unseren Zahlen liegt vor 2000, die Verordnung von 2017 kommt fast zwei Jahrzehnte zu spät, um ihn ausgelöst zu haben. Was die Daten zeigen, ist der Rückgang. Warum er stattfand, belegen sie nicht.

Am anderen Ende steht Cremig, der jüngste Akkord im Feld: 299 von 363 datierten Düften sind ab 2015 erschienen, sieben vor 2000. Die häufigsten Noten dieser Gruppe sind Vanille (187), Moschus (121) und Sandelholz (107); bei Gourmand Vanille (171) und Tonkabohne (84). Der Trend der letzten Dekade lässt sich also ziemlich genau auf drei Rohstoffe eindampfen.

Ein Nebenbefund zur Familie Aquatisch, die mit 104 Einträgen kleiner ist, als ihre Präsenz im Handel vermuten lässt: Der wässrig-ozonige Effekt geht wesentlich auf Calone zurück, 1966 bei Pfizer entdeckt und seit den 1980er Jahren als Duftbestandteil eingesetzt. In den Notenlisten steht der Stoffname fast nie – Calone taucht in unserer Datenbank zweimal auf, während dort „maritime Noten“ (18-mal), „aquatische Noten“ (16-mal) und „ozonische Noten“ (7-mal) stehen. Notenlisten sind Verkaufstexte, keine Rezepturen.

Was die Familie beim Dupe-Kauf ausmacht

Hier wird die Einordnung praktisch. Wir führen 6789 Dupes von 20 Häusern zu 3601 Originalen. Der Preis pro Milliliter unten stammt aus der günstigsten regulären Größe ab 20 ml, Proben sind ausgenommen. Die Spalte „Original“ ist der Durchschnittspreis pro Milliliter der Originale mit diesem Akkord.

AkkordOriginal ct/mlDupe ct/mlDupe-AngeboteFaktor
Animalisch34375304,6
Harzig325741644,4
Chypre24260364,0
Rauchig280742373,8
Blumig2426312103,8
Holzig2406912773,5
Würzig2447016083,5
Orientalisch239697383,5
Cremig235716413,3
Süß2176818073,2
Frisch2076612073,1
Fougère19765263,0
Gourmand200706492,9
Zitrus204716042,9
Aquatisch180662512,7
Synthetisch155614512,5

Die mittlere Spalte ist bemerkenswert flach. Über alle 21 Akkorde hinweg kostet ein Dupe zwischen 60 und 75 Cent pro Milliliter; der Durchschnitt über alle 6316 regulären Dupe-Größen liegt bei 69,3 Cent. Die Originale dagegen streuen von 1,55 bis 3,43 Euro pro Milliliter. Die Duftfamilie bestimmt also nicht, was der Dupe kostet, sondern was man spart. Wer harzige, rauchige oder ledrige Düfte mag, kauft im Original die teuersten Flakons und beim Dupe zum selben Preis wie alle anderen.

Der Haken steht in der vierten Spalte. Zu süßen Düften gibt es 1807 Dupe-Angebote, zu Chypres 36 und zu Fougères 26. Die Ersparnis ist bei den seltenen Familien rechnerisch am größten und praktisch am schwersten zu realisieren, weil kaum jemand sie nachbaut. Dupe-Häuser folgen dem Massenmarkt, und der Massenmarkt riecht seit zehn Jahren süß.

Zwei Einschränkungen gehören dazu. Erstens: Der Ähnlichkeitswert, den wir bei Dupes anzeigen, ist ein Markenquerschnitt – er beschreibt, wie nah die Produkte eines Hauses im Mittel an ihre Vorlagen kommen, nicht wie nah dieser eine Flakon an diesen einen Duft kommt. Zweitens: Ein Dupe kopiert eine Komposition, keine Familie. Dass ein Haus gute Gourmands baut, sagt nichts darüber, ob ihm ein Chypre gelingt.

Wie das konkret aussieht, zeigt Chloé Nomade, Eau de Parfum von 2018 und einer der wenigen Chypres jüngeren Datums in unserer Datenbank: Bewertung 7,6 aus 1095 Stimmen, 139 Euro für 75 ml, also 1,85 Euro pro Milliliter. Die Notenliste ist kurz und lehrbuchhaft – Freesie im Kopf, Mirabelle im Herz, Eichenmoos in der Basis. Dazu gibt es vier Dupes, drei davon in regulären Größen: DIVAIN zu 26,95 Cent pro ml, ÉCLAT „Mirabelle & Oak Moss“ zu 45,36 Cent und Perfume Parlour „Wanderer For Women“ zu 68,12 Cent. Der ÉCLAT-Name nennt gleich die zwei Noten, um die es geht.

Der Gegenfall im selben Genre ist Guerlain Mitsouko – Eichenmoos, Ambra, Vetiver und Zimt in der Basis, 8,0 Punkte aus 944 Stimmen, 2,03 Euro pro Milliliter im Original. Dazu existiert in unserer Datenbank genau ein Dupe, zu 60,33 Cent pro Milliliter. Hohe Wertung, guter Ruf, praktisch kein Dupe-Markt. Das ist keine Ausnahme, sondern der Normalfall für die alten Familien.

Chloé Nomade: Chypre-Akkord mit Eichenmoos in der Basis, Dupes ab 27 Cent pro ml

Für den praktischen Gebrauch ist die Landkarte damit gröber, als die Fachbegriffe klingen. Es hilft wenig zu wissen, dass ein Duft „Chypre“ heißt, wenn er zugleich süß, frisch, blumig und fruchtig ist. Es hilft sehr zu wissen, welche zwei Akkorde bei ihm Gewicht 1 tragen – das sind die beiden, die man im Regal wiedererkennt.

Wer sich einen eigenen Kompass bauen will, kommt schneller ans Ziel, wenn er nicht bei den Familien anfängt, sondern bei drei oder vier Düften, die er sicher mag, und deren Akkorde und Basisnoten nebeneinanderlegt. Meist steht dort zweimal dasselbe. Danach lässt sich die Familie rückwärts bestimmen – und mit ihr die Frage, ob es überhaupt jemanden gibt, der sie nachbaut.

Quellen

  1. Fragrance wheel · Wikipedia · abgerufen am 14. August 2026
  2. Chypre · Wikipedia · abgerufen am 14. August 2026
  3. Fougère · Wikipedia · abgerufen am 14. August 2026
  4. Calone · Wikipedia · abgerufen am 14. August 2026
  5. Verordnung (EU) 2017/1410 der Kommission vom 2. August 2017 zur Änderung der Anhänge II und III der Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 über kosmetische Mittel · Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union (EUR-Lex) · abgerufen am 14. August 2026

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